Freitag, 19. Dezember 2014

Weltraum-Technik, Badeenten und die Kraft der Informatik

Vorlesung am Sonntag? Wer da denkt "Nee Danke!", konnte am Sonntag, den 14.12. beruhigt sein – mit einer normalen Vorlesung hatte der heitere Weinvortrag im Stückfasskeller der Residenz nur wenig gemein. Bei stimmungsvollem Kerzenschein und modrigem Kellerduft, fränkischem Graubrot und Wein durften die interessierten Zuhörer inmitten von Weinfässern den Ausführungen von Herrn Prof. Klaus Schilling lauschen und ihm auf eine Reise ins Weltall folgen.

Prof. Klaus Schilling, Inhaber des Lehrstuhls Informatik VII für Robotik und Telematik, ist seit rund 25 Jahren mit dem Projekt um die Raumsonde Rosetta verbunden. Anhand zahlreicher Aufnahmen brachte er den weltraumneugierigen Zuhörern auf anschauliche Art und Weise den Ablauf und die Ziele dieser Mission näher; samt den Stolperfallen, die die Weltraumtechnik  bis dahin zu umschiffen hatte.



Seit 2004 ist Rosetta nun im All unterwegs und hat auf ihrer Reise mit einigen Himmelskörpern wie den Asteroiden Šteins und  Lutetia Bekanntschaft gemacht. Im August 2014 näherte sie sich dann ihrem eigentlichen Ziel, dem Kometen mit dem klingenden Namen 67P/Tschurjumov-Gerassimenko, Spitzname Tschuri, an. Am 12. November war es schließlich so weit – Rosetta trennte sich von ihrem Lander Philae, der nach siebenstündigem Flug durch das Nichts auf einer zuvor berechneten Stelle landen und sich auf seinen drei Beinen stehend mithilfe von Harpunen und Eisschrauben im Kometen verankern sollte. Sollte – denn nach seinem ersten Kontakt mit 67P/Tschurjumov-Gerassimenko an der angepeilten Stelle prallte Philae wieder ab,  anstatt sich an Ort und Stelle in den Kometen hineinzukrallen. Es stellte sich heraus, dass die Anpress-Rückstoßgasdüse nicht funktioniert hatte und die Harpunen nicht ausgefahren wurden. Nach dem ersten Aufprall, bei dem Philae etwa 1000 Meter zurück ins All geschleudert wurde, kam der Lander an einem zweiten Ort fern des geplanten Landeplatzes zum Stehen. Diesmal standen jedoch nur zwei seiner Beine auf dem Boden, das dritte ragte in die Luft. Nach einem weiteren Satz von circa 20 Metern Höhe kam er schließlich – alle guten Dinge sind drei – an einer dritten Stelle, etwa einen Kilometer von der ursprünglich ausgewählten Landestelle entfernt, endgültig zum Stehen.


Kein Ort zum Wohlfühlen: Komet "Tschuri"
Philae befindet sich nun unmittelbar neben einem riesigen Felsen – um Haaresbreite hätte der Lander an dem zerklüffteten Gesteinsbrocken zerschellen können, womit die Mission vereitelt gewesen wäre. Somit endete das Bangen um das zugegebenermaßen ziemlich suboptimal verlaufene Landemanöver mit Erleichterung und Begeisterung bei den Wissenschaftlern. Auch Prof. Schilling hielt seinen Enthusiasmus nicht hinterm Berg: Durch die drei Landungen konnten Bilder und Materialproben von drei verschiedenen Stellen gewonnen werden, die nun ausgewertet werden können. Durch die Rosetta-Mission ist nun schon einiges über Tschuri bekannt geworden: Der Komet, der die nette Form einer Quietscheente für die Badewanne hat, ist nicht gerade der allergemütlichste Ort, den man sich vorstellen kann. Es herrschen dort frostige Temperaturen um -70°C mit Höchsttemperaturen von bis zu -50°C, außerdem verströmt Tschuri einen schwefligen Duft nach verfaulten Eiern. Dafür würde man sich auf Tschuri schön leicht fühlen, denn die Gravitationsbeschleunigung beträgt nur  1/100.000 der Erdbeschleunigung. Wir würden auf Tschuri also noch nicht mal mehr ein Gramm wiegen.

Wenn manchem physikalisch weniger bewanderten Zuhörer auch Rosettas verschlungene Flugbahn, die durch komplizierteste Berechnungen unter Berücksichtigung der Lage der Erde und des Kometen im Gravitationspotential der Sonne ermittelt wurde (aber  zugegebenermaßen eher an den schlingernden Heimweg eines Partygängers nach einer durchzechten Nacht erinnert), schleierhaft blieben, so gelang es Herrn Prof. Schilling auf ganzer Linie, dem Publikum die Faszination der Raumfahrt auf lebendige Weise näher zu bringen, die Zuhörer mitzureißen, sie in Staunen zu versetzen und zum Lachen zu bringen.
Doch so groß die Verdienste von Technik und Informatik auf dem Gebiet der Raumfahrt auch sein mögen – während des Vortrags versagten zur großen Überraschung des Informatikprofessors neben dem Mikrofon auch eine Animation sowie ein Filmchen. Wie die „Glück im Unglück“-Landung von Philae zeigte – manchmal ist eben neben der reinen Technik auch ein Quäntchen Glück von Nöten. Die technischen Pannen während des Vortrags nahm das weinsüffelnde Publikum mit Humor – und die Studenten fühlten sich zumindest in diesem Punkt an eine ganz gewöhnliche Vorlesung erinnert.


Text: Charlotte Auth
Bild: scienceblogs.de
 

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