Die ganze Welt ist
eine Bühne!
Zumindest scheint es
so, wenn man für einige Stunden die wenig spektakulären Kulissen des Alltags
hinter sich lässt, um den verheißungsvollen Duft der Theaterluft zu schnuppern.
In Anzug oder Abendkleid, ein Glas Sekt in der Hand, präsentieren wir uns dann von
unserer besten Seite und unterstreichen schon mit unserem persönlichen Auftreten
die besondere, ganz und gar außeralltägliche Atmosphäre eines solchen
Theaterabends. Was sich abseits der Vorstellungen hinter den schweren Vorhängen
zuträgt, ist für viele Besucher jedoch ein Geheimnis. Max & Julius hat
einen Blick hinter die Kulissen gewagt und dabei eine spannende Parallelwelt
entdeckt, die trotz ihrer Alltäglichkeit nichts von ihrem Zauber einbüßt.
Um mir ein näheres Bild von den Abläufen am Theater machen
zu können, nahm ich an einer Sonderführung durch das größte Spielhaus
Würzburgs, das Mainfranken Theater, teil.
Meine Begleiter entpuppten sich als ein Rudel Siebtklässler mit ihren beiden
Lehrerinnen – ein Glücksfall, denn die Teenies scheuten sich nicht, unsere
Führerin, die am Mainfranken Theater als Geigerin und Souffleuse tätige Cornelia Boese, mit Fragen zu bombardieren. Außerdem
ließen sie es sich nicht nehmen, mir, der „Dame von der Presse“ nach alter
Manier die Tür aufzuhalten, während ich noch mit Notizblock und Kamera
hantierte.
Vom Orchestergraben
auf die Beleuchterbrücke
Die „boese Souffleuse“ – die diesen Spitznamen ganz zu
Unrecht trägt – entführte unsere kleine Gruppe von den Tiefen des
Orchestergrabens in die (mehr oder minder) schwindelerregenden Höhen der
Beleuchterbrücke und ermöglichte uns dabei einen völlig exklusiven Einblick in
die Vorbereitungen auf das neue Ballettstück, „Dornröschen“, das wenige Tage
später Premiere feiern sollte. Tatsächlich herrschte hinter der Bühne emsige
Betriebsamkeit, ein Balanceakt zwischen Chaos und Struktur. Neue Kulissen wurden
aufgezogen, die Technik noch einmal geprüft, ganze Wände herab- und wieder
hinaufgelassen, Schauspieler eilten in spürbarer Hast durch das Treppenhaus. Dennoch
gab uns niemand das Gefühl, im Weg zu sein, vielmehr wurde die Besuchergruppe
ganz selbstverständlich in das Geschehen miteinbezogen. Die Schüler staunten
über die Ausmaße der Hauptbühne, die sowohl dem Schauspiel als auch Musiktheater
und Ballett dient, und lösten endlich auch ein unter Besuchern des Mainfranken
Theaters vieldiskutiertes Rätsel – wie ist es eigentlich möglich, die
unzähligen Glühbirnen der Deckenbeleuchtung zu wechseln? Die Antwort fanden sie
auf der über dem Deckengewölbe schwebenden Beleuchterbrücke, dem Arbeitsplatz
der Lichttechniker, die von dort aus die Lampen einfahren
können.
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| Bei den Bühnenmalern |
Ein Haus, viele Aufgabenfelder
Weitaus weniger hektisch ging es hinter dem Bühneneingang
zu, wo wir den Maskenbildern einen Besuch abstatteten. Zwischen
ausladenden Perücken, feinen Pinseln und dem ein oder anderen abgeschlagenen
Kopf weihten sie uns in die Mysterien ihres Berufslebens ein – und die sind
wesentlich vielfältiger als Schminken vor dem Auftritt. Die Maskenbildner
fertigen sämtliche Perücken für die Stücke selbst – und das in mehrfacher
Ausfertigung für die Erst-, Zweit- und Drittbesetzungen. „Die Haare stammen aus
Asien und werden auf internationalen Umschlagplätzen etwa in Singapur gehandelt,
ehe sie nach Europa kommen, wo sie anschließend bearbeitet und gefärbt werden.“
Da ich etwas zu interessiert mit den beiden Maskenbildnern plauderte, die mir
erklärten, welche Perücken sie gerade für den „Kaufmann von Venedig“ fertigen
würden, verlor ich kurzzeitig meine Gruppe, wurde jedoch heldenmütig von ihnen
gerettet und in eines der Nebengebäude des Mainfranken Theaters geführt, wo ich
die Klasse bei den Kostümschneidern wiederfand. Nicht nur die Mädchen waren
fasziniert vom bunten Kleiderfundus des Theaters, wenngleich ein wenig
entsetzt, als sie erfuhren, dass einige Kleider von den Schneidern wieder
zerstört werden, sofern der Verlauf des Stücks für die Protagonisten eine - sagen
wir - eher unvorteilhafte Wendung nimmt. Ähnlich radikal kann es auch bei den
Bühnenmalern zugehen, denn auch diese können gezwungen sein, liebevoll
gestaltete Kulissen wieder zu zerstören, um sie in die Handlung einzufügen.
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| In der Maske |
In all den so unterschiedlichen Abteilungen war der
Grundtenor derselbe: Ohne Teamarbeit läuft gar nichts am Theater,
Zuverlässigkeit ist unerlässlich in diesem angeblich so schnelllebigen Betrieb
– sei es nun im Zusammenspiel der Handwerker oder im Miteinander der
Schauspieler.
Als Balletttänzerin in Würzburg
So betonte auch die Ballettänzerin
Zoya Ionkina, die im Rahmen der Reihe „Ballett persönlich“ aus ihren
Theatererfahrungen plauderte, das ausgeprägte Gemeinschaftsgefühl, das
in Würzburg vorherrschen würde. In größeren Häusern wäre das sicher anders,
aber für das Mainfranken Theater gilt: „Ein Konkurrenzkampf, wie er in Filmen
wie Black Swan dargestellt wird,
herrscht hier ganz sicher nicht.“ Die Ukrainerin kam 2008 in die Domstadt, seit
2010 gehört sie dem festen Ensemble an. Das hiesige Publikum hat das Talent der
jungen Frau bald erkannt, schließlich wurde sie schon mit dem Würzburger
Nachwuchspreis geehrt. Dass sie später einmal Tänzerin werden würde, stand für
sie schon fest, als sie noch ein kleines Mädchen war. Bereits ihre Mutter war
Ballettänzerin und unterstützte den Traum ihrer Tochter von Anfang an. Doch für
diesen Traum musste sie auch Opfer bringen: Schon früh musste sie lernen,
selbstständig zu werden, um Ballettschulen in Kiew und Österreich besuchen zu
können. Gefühle der Einsamkeit verdrängte sie durch Zielstrebigkeit und
Kreativität, schließlich nahm sie mit Begeisterung und beträchtlichem Erfolg an
zahlreichen Wettbewerben teil. „Diese Wettbewerbe waren sehr wichtig für die
persönliche und fachliche Entwicklung, aber auch für den Austausch mit anderen
Tänzern“, resümiert sie heute. In Würzburg, dessen Truppe ihr von einem
Studienkollegen empfohlen wurde, fühlt sie sich angekommen, denn die Choreographin
und Ballettdirektorin Anna Vita gibt jeder Tänzerin und jedem Tänzer Raum für
die persönliche Entfaltung. „Besetzungen werden nach den ganz individuellen
Anforderungen der Rollen vergeben.“ Wohl auch ein
Grund, warum es wenig Raum für Konkurrenzdruck gibt. Ihren nächsten Auftritt
wird Zoya Ionkina, die neben ihrer Tätigkeit als professionelle Tänzerin auch
noch Ballettstunden für Interessierte gibt, übrigens ebenfalls in „Dornröschen“
haben.
Für die Siebtklässler stand fest, dass sie unbedingt das
Stück ansehen wollten, dessen Vorbereitungen sie soeben miterlebt hatten. Zu
beobachten, wie sie ihre Lehrerin bedrängten, doch bitte bitte (!!) Karten zu
organisieren, erfüllte mich mit einer gewissen Genugtuung, widerlegte ihre
Begeisterung doch sämtliche Klischees von der angeblich so kulturfernen Jugend
2.0. Vielmehr kommt es darauf an, den Funken der Faszination für das Theater
auch in der nächsten Generation zum Leuchten zu bringen – und dies ist Cornelia
Boese an diesem Vormittag offenbar voll und ganz gelungen.
Text und Bilder: Katharina Stahl
Öffentliche Führungen „Hinter den Kulissen“ finden übrigens an jedem letzten Samstag im Monat statt, Gruppen können sich auch für Sonderführungen anmelden. Wer tiefere Einblicke in die Arbeit des Ballettensembles bekommen möchte, kann am 22. Juni um 17.30 Uhr Ivan Alboresi Fragen zu seinem Werdegang und zu seinen Erlebnissen am Theater stellen.