Montag, 12. Januar 2015

Ein Artikel, den es eigentlich nicht geben sollte


7-8% der Bevölkerung in Deutschland sind homosexuell. Laut Statistik müsste jeder von uns mindestens eine schwule oder lesbische Person kennen, die Realität zeigt, dass das nicht immer der Fall ist. Woran liegt das? Bleiben Homosexuelle nur unter sich? Oder verschweigen sie es aus Angst vor Zurückweisung? Wie offen begegnet unsere Gesellschaft Menschen, die zu ihrer Homosexualität stehen? Darüber haben wir uns mit Bianca von der schwullesbischen Jugendgruppe DéjàWü e.V. unterhalten.

Seit über 10 Jahren bringt DéjàWü junge Menschen zusammen. Der gemeinnützige Verein bietet nicht nur die Möglichkeit, neue Freundschaften und Partnerschaften zu schließen, sondern auch Unterstützung bei Fragen und Problemen, zum Beispiel zum Coming-out. Denn leider ist es in unserer Gesellschaft noch keine Selbstverständlichkeit, nicht heterosexuell zu sein.  Sei es, dass die Eltern einen nach dem Coming-out rauswerfen, einem der kirchliche Arbeitgeber kündigt oder sich die Freunde von einem abwenden. In einem kleinen Dorf im konservativen Bayern sind solche extremen Reaktionen vermutlich noch häufiger als in der weltoffenen und bunten Großstadt Berlin. Und wie sieht es hier bei uns in Würzburg aus? Bianca schätzt die Würzburger als relativ aufgeschlossen ein, sie selbst machte hier nur positive Erfahrungen.

Das Problem mit der Heteronormativität

Dies liegt vielleicht auch daran, dass sie genau abwägt, wem sie von ihrer sexuellen Orientierung erzählt. Schließlich will sie damit niemanden vor den Kopf stoßen. Egal, für wie offen wir unsere Gesellschaft halten, Heterosexualität wird immer noch als die Norm angesehen. Das sieht man auch schon an alltäglichen Fragen – „Hast du einen Freund?“ ist eine davon. Man impliziert also, dass es nur eine gültige Form der Sexualität gibt und fragt nicht etwa „Bist du in einer Beziehung?“. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff Heteronormativität bekannt. Als Heterosexueller denkt man bei solchen Formulierungen oft gar nicht darüber nach, dass man andere dadurch ausgrenzen könnte. Wenn dieses Denken schon so tief in unseren Köpfen verankert ist, dann lässt sich das nicht von jetzt auf gleich ändern. Um ein Umdenken zu veranlassen, gehen einige ganz progressiv mit ihrer Sexualität um. Sie wählen zum Beispiel ihr äußeres Erscheinungsbild bewusst provozierend. Dieses Verhalten ist zwar nachvollziehbar, kann jedoch auch dazu führen, dass Homosexuelle vorschnell in Schubladen gesteckt werden. Die Folge sind Vorurteile, wie sie jeder von uns kennt: Lesben tragen kurze Haare und Piercings und kleiden sich maskulin, das männliche Pendant verhält sich dagegen betont weiblich. Man neigt dazu, schnell zu verallgemeinern. Aber wie unterscheiden sich Homosexuelle wirklich von Heterosexuellen? Eigentlich unterscheiden wir uns doch alle darin, wen wir lieben.

Der Gesetzgeber macht immer noch Unterschiede

In jüngster Zeit kam dem Thema eine wachsende mediale Aufmerksamkeit zu. Immer mehr Prominente gingen mit ihrem Coming-out an die Öffentlichkeit. Bianca bewertet diese Entwicklung positiv, nicht nur weil die Problematik dadurch in den Köpfen der Menschen präsent ist, sondern auch, weil so anderen Homosexuellen Mut gemacht wird. Dennoch sollte man sich fragen, ob nicht gerade diese intensive Berichterstattung zeigt, wie weit unsere Gesellschaft noch davon entfernt ist, LGBT* (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans) nicht mehr als Besonderheit zu verstehen. Intoleranz gegenüber LGBT spiegelt sich auch in der Politik und Gesetzgebung wider. Vor allem in Deutschland kann hier von einer Gleichstellung noch nicht die Rede sein. Eine gleichgeschlechtliche Ehe ist zwar erlaubt, unterscheidet sich aber immer noch erheblich von heterosexuellen Ehen. So ist nur eine  „eingetragene Lebenspartnerschaft“ möglich, man ist also laut Namensgebung nur „verpaart“ und nicht verheiratet.  Schwule und lesbische Ehepaare haben die gleichen Pflichten, jedoch nicht die gleichen Rechte.  Ein bekanntes Beispiel ist das Problem der steuerlichen Gleichstellung. Betrachtet man außerdem das Adoptionsrecht wirkt es irritierend, dass es einer Einzelperson erlaubt ist ein Kind zu adoptieren, einem gleichgeschlechtlichen Paar nicht. Sind denn zwei Mütter/Väter schlechter als ein(e) Mutter/Vater?

Die Coming-outs verschiedener Prominenter, ein wachsendes Angebot an Veranstaltungen speziell für LGBT* und zunehmende Aufgeschlossenheit christlicher Hochschulgruppen sind Indikatoren dafür, dass sich etwas tut. Der Verein DéjàWü versucht seinen Teil dazu beizutragen. Eines ihrer Projekte ist ein Workshop, den sie Schulen anbieten. Damit wollen sie Lehrer bei der Vermittlung von Themen rund um Homosexualität unterstützen und schon bei jungen Menschen einen aktiven Denkprozess anstoßen. Damit endlich in allen Köpfen ankommt: Es ist keine Art zu handeln, sondern eine Art zu sein.

Vanessa Luksch & Anja Meusel
 
Die Jugendgruppe bietet Unterstützung in allen studentischen Lebenslagen
 

Steckbrief DéjàWü e.V.:

Mitgliederzahl: circa 50

Altersgruppe: 16 – 26 Jahre*

Gruppenstunden: 1. Und 3. Freitag im Monat, 20.00 Uhr, wufzentrum

Stammtisch: 4. Mittwoch im Monat, 20.30 Uhr, Café Klug

Weitere Infos: http://www.dejawue.de/


*Angebote für Menschen ab 27 Jahren gibt es beim wufzentrum (http://www.wufzentrum.de/)

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