Samstag, 7. Februar 2015

Ein Recht zur unbequemen Meinung

I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it“, schrieb Evelyn Beatrice Hall in ihrer Biographie über Voltaire und deutet dabei bereits die Schwierigkeiten, die mit der freien Äußerung des eigenen Standpunkts verbunden sind, an: Das ambivalente Verhältnis zwischen Redefreiheit und Political Correctness.

 Die eigene Feigheit, Angepasstheit und die Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung stehen der Verwirklichung des Rechts eines jeden Einzelnen auf freie Meinungsäußerung allzu oft im Wege. Viele Vorstöße finden ihren Anfang an den Universitäten, wo Bildung und jugendliches Engagement die Grenzen von politischer Korrektheit und gesellschaftlicher Einheitsmeinung verschwimmen lassen und aufbrechen. Dabei haben studentische Bewegungen, früher und heute, viel für den Pluralismus geleistet.

Der Dichter Georg Büchner
 
„Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“

 Soziale Missstände waren bereits zu Georg Büchners Zeiten eines der Themen, mit denen sich die kritische Studentenschaft am vehementesten auseinandersetzte und es hat bis heute nichts an seiner Aktualität verloren. Mit seiner politischen Flugschrift „Der Hessische Landbote“ prangerte der Dichter des Vormärz die Ungleichheit seiner Zeit wirkungsvoll an. Dieses hohe Maß an Courage bezahlte Georg Büchner mit dem Gang ins Exil. Viele andere, wie Sophie und Hans Scholl ließen für ihren selbstlosen Einsatz gegen die Verbrechen des NS-Regimes ihr Leben. Damit steht das Geschwisterpaar bis heute als Sinnbild für den Kampf gegen Unterdrückung und staatliche Bevormundung. Mehrere Jahrzehnte später lehnten sich US-amerikanische Studenten gegen staatliche Beschränkungen auf und formierten sich in der Free-Speech-Bewegung, die sich vor allem für freie Rede und freie Forschung einsetzte. Kurz darauf schwappte die revolutionäre Bewegung auch auf Westdeutschland, in Gestalt einer universalkritischen Idee gegen die „Herrschaft von Menschen über Menschen“, über. Bei weitem nicht alle Studenten konnten ihre Interessen so frei artikulieren wie die 68er. Das chinesische Militär zerschlug 1989 einen prodemokratischen Studentenaufstand – dies geschah paradoxerweise am Platz am Tor des himmlischen Friedens.

Es gibt noch viel zu tun!

Auch heute gibt es noch gute Gründe, wie die aktuellen Ereignisse in Hongkong zeigen, für die Studenten weltweit auf die Straße gehen und Karriere, Freiheit oder Leben aufs Spiel setzen. Der Hintergrund des derzeitigen Aufstandes ist ein Beschluss des Nationalen Volkskongresses der chinesischen Regierung, bei den kommenden Wahlen 2017 für die Sonderverwaltungszone Hongkong nur von der Kommunistischen Partei vorausgewählte Kandidaten zuzulassen. Hierbei geht es Peking darum, regimekritischen Anwärtern den Zugang zu relevanten politischen Ämtern zu versperren. Neben der Forderung nach freien Wahlen und mehr Demokratie setzen sich die Demonstranten außerdem für eine Beibehaltung des weitgehend neutralen Bildungswesens in der ehemaligen britischen Kronkolonie ein, frei von der Propaganda der Kommunistischen Partei.

Noch drastischer zeigen sich im Augenblick die Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt in Mexiko. Was als friedliche politische Demonstration gegen einen Lokalbürgermeister und seine kriminellen Machenschaften begann, endete in einem Blutbad. 43 Studenten verschwanden darauf spurlos und es ist anzunehmen, dass die meisten von ihnen exekutiert und anschließend verbrannt wurden. Die Trägheit und Untätigkeit der polizeilichen Ermittlungsbehörden sowie die Verflochtenheit der Politik mit der organisierten Kriminalität führen zu Massenprotesten und Stigmatisierungen der mexikanischen Studentenschaft.


2008 demonstrierten viele Studenten gegen Studiengebühren
Trotz vielfältiger Möglichkeiten der studentischen Meinungsäußerung und Partizipation in Form von Arbeitskreisen, politischen Hochschulgruppen, Fachschaften, Hochschulmedien und Diskussionsveranstaltungen, ist das politische Interesse der deutschen Studenten heutzutage eher rückläufig. Dies belegen unter anderem eine Studie der Universität Konstanz sowie alarmierend niedrige Beteiligungen an den Hochschulwahlen. Aktivität findet man zurzeit eher bei Themen, die die Belange der Studenten direkt betreffen, wie zum Beispiel der lange Kampf um die Abschaffung der Studiengebühren.  Sind soziale Missstände nur noch ein Anliegen weniger Engagierter und alternativer Randgruppen oder schlummert auch im modernen, angepassten Studenten von heute ein kleiner Georg Büchner?

Text: Lisa Knaup & Carina Peter
Bilder: wikimedia commons ; Martin Knorr / jugendfotos.de

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